Polyplacophora (“Käferschnecken”, “Chitonen”)

Die Käferschnecken sind eine wenig bekannte Tiergruppe, das gilt insbesondere für ihre fossilen Vertreter. Käferschnecken gibt es mindestens seit dem Oberen Kambrium, also seit über 500 Millionen Jahren. Auch aus den Ablagerungen des frühen Zechsteins kennt man sie.

Abb. 1 Rezente Käferschnecken.

In Veröffentlichungen zur Zechsteinfauna werden die Käferschnecken, wenn überhaupt, bestenfalls mal in einem Nebensatz erwähnt (z. B. HOLLINGWORTH & PETTIGREW 1988). Bis heute haben die Zechstein-Polyplacophora keinen wissenschaftlichen Namen und man weiß nicht, ob es sich um mehrere oder nur um eine Art handelt.
In der gesamten Literatur zur Zechsteinfauna gibt es unsereswissens keine einzige Abbildung von Käferschnecken. Deshalb sollen sie an dieser Stelle mal gezeigt werden:

Abb. 2 “Kopfschild” einer Käferschnecke.
Fundort: Altensteiner Höhle. Stereobild nach dem Parallelblick-Prinzip.

Käferschnecken sind Weichtiere (Mollusken) mit einem sehr einfachen Körperbau. Sie besitzen keine Augen, Tentakel und Nervenganglien lediglich einfache Licht-Sinneszellen auf der Körperoberfläche und ein Sinnesorgan für chemische Reize rings um den Mund (Subradular-Organ). Sie besitzen einen sehr großen breiten Fuß und Kiemen in den seitlichen Mantelfurchen. Sie sind wie ein einziger großer Saugnapf konstruiert.
Die Oberseite ihres Körpers ist mit 8 sich überlappenden kalkigen Skelettplatten bedeckt. Die Platten werden von einem mit kleinen Stacheln oder Schuppen besetztem Gürtel (Perinotum) umgeben.
Anhand der Schalenstruktur unterscheidet man zwei Ordnungen, die altertümlichen seit der Oberen Kreide (65 Ma) ausgestorbenen Paleoloricata und die modernen, mindestens seit dem Karbon (360 Ma) bekannten Neoloricata. Die Paleoloricata besitzen dicke Platten die sich kaum überlappen. Die Neoloricata weisen eine innere Schalenlage (das Articulamentum) auf, aus denen Apophysen hervorgehen, die der gelenkigen Verbindung der Platten dienen. Die Schalen bestehen wie bei den Schnecken aus Aragonit, einer Form des Kalks die sich fossil nur schlecht erhält.

Käferschnecken sind Weidegänger. Sie ernähren sich von Algen, Bryozoen oder anderen bodenlebenden Organismen die sie mit ihrer Raspelzunge (Radula) abweiden können. Einige Arten leben räuberisch und fangen kleine Krebse.

Der deutsche Name “Käferschnecken” ist irreführend. Er stammt wohl daher, daß Käferschnecken, wie die Käfer (die artenreichste Gruppe der Insekten), sehr farbenfrohe Geschöpfe sind (siehe Abb. 1). Die Farbzeichnung ist daher auch ein wichtiges Bestimmungsmerkmal der rezenten (heute lebenden) Käferschnecken. Bei fossilen Käferschnecken ist die Färbung jedoch nicht erhalten. Und der Bau des Skeletts ist bei allen Käferschnecken mehr oder weniger gleich.

Aus der Sicht eines Paläontologen sind die Polyplacophora das vollkommene Gegenteil der Käfer. Käfer sind die vielfältigste und formenreichste Tiergruppe auf unserem Planeten. Heute leben auf der Erde mehrere Millionen Käferarten, von denen bisher nur einen kleiner Bruchteil (ca. 500.000) beschrieben ist. Unvorstellbar groß ist die Anzahl aller Käferarten die je auf der Erde lebten.
Die Käferschnecken hingegen sind formenarm. Man kennt etwa 600 bis 1100 rezente Arten (die Angaben in der Literatur weichen je nach Autor stark von einander ab). Aber es sind gerade mal 100 (!) fossile Arten beschrieben.

Abb. 3 Eine isolierte Skelettplatte einer Käferschnecke mit deutlich erkennbaren Apophysen.
 Fundort: Altensteiner Höhle bei Schweina.
Stereobild nach Parallelblickprinzip.

Die Käferschnecken die im Zechsteinmeer lebten, waren sehr klein. Wenn es sich bei unseren Funden um adulte (“ausgewachsene”) Tiere handelt, dann wurden die Käferschnecken kaum größer als 2cm.
Einige Funde von Zwischenplatten weisen Apophysen auf (Abb. 2), gehören also zu den “modernen” Käferschnecken (Neoloricata). Bei anderen Platten lassen sich keine Apophysen erkennen. Aber die Schalen sind in der Regel schlecht erhalten und sehr dünn.

Eine Tiergruppe die sich im Laufe der Erdgeschichte kaum verändert hat, deren Skelette sehr merkmalsarm sind und nur ein geringes Erhaltungspotential besitzten, kann naturgemäß nicht von großem Interesse für die angewandte Paläontologie sein.

Als Leitfossilien haben die Polyplacophora keine Bedeutung. Als Faziesanzeiger sind sie jedoch von einem beschränkten Nutzen. Käferschnecken sind hervorragend an das Leben im Brandungsbereich angepasst (einer der Gründe warum man so selten vollständige fossile Tiere findet!). Auch für die im Zechstein gefundenen Formen kann man diesen Lebensbereich wohl annehmen.
Eine generelle Regel ist das aber nicht. Käferschnecken kommen in kaum verändertem Körperbau auch im Tiefwasser vor.

 

Literatur

Es gibt keine spezielle Literatur zu den Käferschnecken des Zechsteins, immerhin im Text erwähnt werden sie bei:

  • HOLLINGWORTH, N. & PETTIGREW, T. (1988): Zechstein reef fossils and their palaeoecology.- 75 pp., The Palaeotological Association, Field Guides to fossils, No. 3, London.